Porträt: Arndtstrasse 19

Kündigungen wegen Eigenbedarf bei 3 von 5 Wohnungen

Eigentümer: privat

Das Haus
Das Berliner Mietshaus wurde ca. 1900 erbaut. 1976 verkaufte es der ältere private Eigentümer an eine Immobilienfirma. Im Rahmen der Stadterneuerungsprogramme wurde es von 1978 bis Anfang 1980 grundlegend saniert; Wohnungen wurden zusammengelegt, die frühere Stuckfassade wiederhergestellt, die angeschlossenen Seitenflügel und weitere im Blockinneren stehende Mietshäuser abgerissen. Insgesamt umfasst das Haus seit damals nur 5 Wohneinheiten.

Nach Jahrzehnten der Rausschmiss
Ein mehrmaliger Wechsel der Eigentumsverhältnisse durch Immobiliengesellschaften brachte für die Mieterinnen und Mieter keine großen Veränderungen bis zum Mai 2018: Keine Woche nachdem ihnen ein erneuter Eigentümerwechsel mitgeteilt worden war, hatten drei Mietparteien die Eigenbedarfskündigung im Briefkasten. Der neue Eigentümer, Kommanditist der früheren Immobilienfirma, meldete Anspruch für sich und zwei Familienangehörige an.

Beste Hausgemeinschaft
Aus diesem kleinen Haus zieht keine*r aus, wenn sie*er nicht muss. So erstreckt sich die Wohndauer der 5 Mietparteien von 10 bis 40 Jahren; der größte Teil wohnt schon seit über 30 Jahren in der Hausgemeinschaft. Wer in Not ist, bekommt Hilfe bei der Nachbarin oder beim Nachbarn, den mangelnden Zucker sowieso. Kinder wachsen und wuchsen hier heran, bekamen Unterstützung bei Schularbeiten. Den Seniorinnen und Senioren, die inzwischen zwischen 70 und 80 Jahre alt sind, sind die anderen Nachbarinnen und Nachbarn Stütze und Sicherheit. Ab Februar 2019 soll nun nach dem Willen des Vermieters damit Schluss sein.

Veränderungen im Kiez
Viele der Bewohner*innen haben noch die Besetzungen Ende der 70er-/Anfang der 80er rund um den Chamissoplatz miterlebt. Ihr Kiez war und ist ihr Zuhause. Sie sind in dieser Zeit immer wieder im Kiez aktiv gewesen, sei es bei den Anfängen des „Mieterrats Chamissoplatz“ oder z.B. bei „Leiser-Bergmannkiez“. Die in fast 40 Jahren erfolgten Veränderungen sehen sie mit weinendem und lachendem Auge. Im Erdgeschoss gegenüber wurde aus einem Zeitschriftenladen ein Spezialitätenlokal auf kleinstem Raum, das „Goulasch“. Den Chamissoplatz bergauf lebte im heutigen „Kolibri“ in den 80er-Jahren ein älteres Paar in den Hinterzimmern ihres Tante-Emma-Ladens. Den „Heidelberger Krug“ mit Urgestein Franz gibt es als Kiezkneipe und Treffpunkt immer noch. Der Platz wurde begrünt, der Spielplatz, ein Treffpunkt für Kinder, Väter, Mütter und diverse Kitas, bekam einen steinernen Brunnen. Im Dunklen riecht‘s nach anderem als Berliner Sand. Beim Friseur kann man auch nachts um halb 11 eine angesagte Frisur bekommen. Bergmannstraßenfest 2018: Kreuzberg jazzt, „Kreuzberg kocht“ auf dem Chamissoplatz. Und nach und nach tauchen immer mehr die gepflegten Menschen mit den tollen Autos auf.

Mehrere Fensterreihen eines Altbaus
Man kennt sich vom Gesicht her, es kümmert aber keine*n, was die oder der andere ist oder sein will, man akzeptiert sich und fühlt sich geborgen.

Geborgenes Zuhause ade
„All das lieben wir und ertragen es auch manchmal. Hier fühlen wir uns wohl, und wenn wir an den drohenden Auszug denken, fühlt sich das an, als wenn die Sonne nicht mehr scheint und tiefer Schatten über unsere Welt fällt.“

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